Einwanderung neu denken: Buchrezension zu „Exodus“

von Eike Harden
Das Buch „Exodus: Warum wir die Einwanderung neu regeln müssen“ des britischen Wirtschaftswissenschaftlers Paul Collier ist international sehr unterschiedlich aufgenommen worden. Das ist durchaus üblich und nicht anders zu erwarten, denn Rezensenten, die selbst Wissenschaftler sind, haben ganz eigene Interessen und Schwerpunkte. Ich denke aber, dass wir aus Exodus etwas für die Winsener Kommunalpolitik lernen können.

Vorsicht: Blinde Flecke und falsche Schwerpunkte

Was ist Exodus nicht? – ein Buch über Flüchtlinge. Collier schreibt zu diesem Thema nur, dass Menschen in Not selbstverständlich geholfen werden müsse. Nun ist sein Buch auch schon 3 Jahre alt und er selbst Engländer, obwohl mit deutschen Vorfahren, was diesen blinden Fleck erklärt. Interessanterweise verändert die „Flüchtlingskrise“ den Blick auf das Gesamtwerk erheblich – zumindest für mich. Während einige Rezensenten – wie etwa der amerikanische Aktivist für offene Grenzen Paul Crider in diesem BlogpostCollier unterstellt, er sei grundsätzlich gegen Einwanderung, fände sich Collier in der deutschen Diskussion an einer Stelle wieder, die deutlich stärker für Einwanderung ist als Angela Merkel oder Winfried Kretschmann. Doch dazu gleich mehr.
Andere Rezensenten kritisieren Colliers wissenschaftliche Integrität, weil er manchmal zu starke Schlüsse aus zu wenig Daten mache: Sie haben damit Recht, wie auch jeder Recht hat, der den Stil von Exodus manchmal etwas spröde und dann wiederum zu emotional und kitschig findet für ein populärwissenschaftliches Werk. Wichtig ist aber ein anderer Punkt: In einer emotional aufgeladenen Debatte, in der nur sehr wenige Teilnehmer dafür argumentieren, dass Menschen völlig frei auf der Welt hin- und herziehen dürfen, stellt Collier folgende Leitlinien einer vernünftigen und moralisch vertretbaren Einwanderungspolitik auf:

  • Uneingeschränktes Asylrecht für Individuen – wer politisch verfolgt wird, muss an einen Ort gehen dürfen und können, an dem er sicher ist und sich frei äußern darf; von Menschen, die vor Bürgerkriegen, Hunger und Krankheiten fliehen, ganz zu schweigen.
  • Unbegrenztes Bleiberecht für integrierte Individuen – wer akzeptierter Teil der Mehrheitsgesellschaft ist, darf sogar bleiben, ohne auf die legale Einwanderung aus seinem oder ihrem Herkunftsland Einfluss zu nehmen.
  • Unbegrenzte Aufnahme von Gastschülern und -studenten – wer aus Entwicklungsländern in ein hochentwickeltes Industrieland kommen will, um dort etwas zu lernen, darf und soll das tun. Nach dem Ende der Ausbildung könnte es für das Herkunftsland von Vorteil sein, wenn er oder sie dorthin zurückkehrt, aber bei ausreichender Integration in die jeweilige Industriegesellschaft gilt der vorangehende Punkt.
  • Zusätzlich dazu Einwanderungsquoten für Menschen aus allen Ländern – wer aus sicheren Herkunftsländern in ein hochentwickeltes Industrieland ziehen will, um dort zu arbeiten und zu leben, soll das legal tun dürfen, aber nicht in unbegrenzter Anzahl; einige Bewerber müssen sich gedulden oder weiterbilden, um ihre Chancen zu verbessern.
  • Anrechnung von Familienzusammenführungen auf die Einwanderungsquoten – grundsätzlich erkennt Collier an, dass die Integration besser funktionieren kann, wenn arbeitende Männer und Frauen ihre Familien bei sich haben, allerdings darf die Gesamtzahl der Migranten die Integrationsfähigkeit nicht überfordern.
  • Hartes Vorgehen der Regierung gegen Rassismus und Diskriminierung – die Integration der Zuwanderer ist zentral, weil in Colliers Modell integrierte Individuen (was auch immer das heißen mag) als Teil der Mehrheitsgesellschaft zählen und nicht zu den Zuwanderern aus dem Herkunftsland.
  • Starkes Engagement der Regierung für die Integration – Zuwanderer müssen so schnell wie möglich die Sprache der Mehrheitsgesellschaft lernen können, sie müssen Arbeit finden und eine Wohnung.

Zugegeben – Collier gibt die Leitlinien leider nicht so offensiv und übersichtlich an wie ich hier.

Was bedeutet das für uns?

Colliers wichtigster und oft übersehener Punkt steht weit am Ende des Buchs: Wie viel Zuwanderung eine Gesellschaft vertragen kann, ohne dass der soziale Zusammenhalt zerbricht, hängt einerseits von der Zahl der Zuwanderer ab, andererseits aber auch von deren Beziehungen untereinander und ihrer Integration in die Mehrheitsgesellschaft. Ich möchte dem noch eines hinzufügen: Natürlich hängt das alles auch davon ab, wie dicht das soziale Netz ist, das die Aufnahmegesellschaft zusammenhält. Damit in den Vereinigten Staaten etwas sich verschlechtert, was ohnehin viel schwächer ausgeprägt ist als bei uns, bedarf es schon eines viel größeren Anstoßes. Auch wenn Diskriminierung wegen der Hautfarbe oder eines nicht deutsch klingenden Namens in Deutschland immer noch bittere Realität ist, scheint in vielen amerikanischen Städten offen rassistische Polizeibrutalität verbreitet zu sein – obwohl die Integration der von weißem Rassismus bedrohten Menschen im Schmelztiegel doch so viel besser sein sollte.
Aber nun zum Clou dieser Rezension: Angenommen, man sei Colliers Empfehlungen zumindest so weit gefolgt wie die Bundesregierung unter Angela Merkel bisher und habe 1 Million Flüchtlinge aus Bürgerkriegsländern (Syrien, Afghanistan, Irak, Somalia, Eritrea, Südsudan, Mali – und zu viele mehr) aufgenommen. Was müsste man nun unternehmen? Alles daran setzen, die Flüchtlinge zu integrieren. Das ist schon aus dem einfachen Grund richtig, dass es für Flüchtlinge nach Collier keine Möglichkeit gibt, Quoten festzusetzen. Entsprechend können auch keine Familienzusammenführungen verhindert werden. Der Ausweg besteht dann in folgenden Punkten auf kommunaler Ebene:

  • Sprachkurse für jeden Flüchtling – nur so lässt sich sicherstellen, dass sie mittelfristig eine Arbeit und eine Wohnung finden können, dass sie sich weiterbilden können, dass sie an der Gesellschaft teilhaben können und dass sie nach dem Ende der Bürgerkriege vielleicht zurückkehren in ihr Herkunftsland und dort die Werte verbreiten, die sie bei uns gelernt haben, nämlich Mitgefühl mit Menschen in Not, Demokratie, Freiheit, soziale Mobilität durch Bildung und Arbeit.
  • Investitionen ins Bildungssystem – und zwar von der Krippe bis zur Universität und Volkshochschule, inklusive Schulsozialarbeit, denn Bildung ist der Schlüssel zur Integration.
  • Förderung ehrenamtlicher Strukturen – Integration hängt auch davon ab, dass Menschen gemeinsam Dinge unternehmen, sei es singen, malen, kochen oder Sport. Vor allem darf man nicht vergessen, dass die Flüchtlinge aus vielen verschiedenen Ländern kommen und untereinander auch nicht integriert sind.
  • Schaffung von bezahlbarem Wohnraum und Arbeitsplätzen – auch wenn Deutschland gleichwertige Lebensverhältnisse im ganzen Land verspricht, sind einige Gegenden doch sehr dünn besiedelt und entsprechend ungeeignet, um Flüchtlinge zu integrieren. Es führt wohl kaum ein Weg daran vorbei, Flüchtlinge zu einem wesentlichen Teil auch in den Ballungsgebieten unterzubringen, in denen der Wohnraum ohnehin knapp ist. Damit sie hier nicht mit armen „Einheimischen“ um diesen knappen Wohnraum konkurrieren, muss die Politik in den Wohnungsbau investieren. Wichtig wäre auch, Möglichkeiten zu schaffen, dass die Zuwanderer Geschäfte eröffnen und sogar Arbeitsplätze schaffen können. Zumindest in der ersten Generation sind das oft sehr kleine Geschäfte, die wenig Investitionen erfordern und ausreichend Kunden. Das spricht wiederum dafür, sie in den Ballungsräumen unterzubringen (aber das ist ein anderes Thema aus einem anderen Buch).

Fazit: Schulen, Vereine und Stadtplanung

Vieles spricht dafür, dass sowohl die Flüchtlingskrise als auch die Armut und Not auf der Welt überhaupt nur dann bewältigt werden können, wenn die hochentwickelten Industrieländer eine vernünftige und moralisch vertretbare Einwanderungspolitik verfolgen. Eine der beiden Stellschrauben (neben den national oder auf Ebene von Staatenbündnissen wie der EU zu regelnden Fragen wie dem Staatsbürgerrecht) ist die kommunale Integrationspolitik, denn vor Ort entscheidet sich, ob Zuwanderer sich integrieren können, ob sie die Sprache lernen können, am sozialen Leben teilnehmen, eine Wohnung mieten oder sogar ein Reihenhäuschen kaufen, Arbeit finden oder sich selbstständig machen und Arbeitsplätze schaffen, ob ihre Kinder einen Schulabschluss machen, die Universität besuchen und in der gemeinsamen Mehrheitsgesellschaft einen Partner finden werden.
Sollten Sie auf das Buch neugierig geworden sein und sich für die weitergehenden Fragen wie die Auswirkungen auf die Herkunftsländer interessieren: Bei der Bundeszentrale für politische Bildung können Sie sich die deutsche Übersetzung von Exodus relativ günstig bestellen.

Verwandte Artikel